Ein verrauschter Morgen mit körnigen Bekenntnissen

Ich habe heute Nacht schlecht geschlafen – Albträume. Normalerweise behalte ich meine Träume für mich, aber diesmal möchte ich mir doch mal Luft machen.
Meine Frau und ich sitzen vor dem Fernseher und begutachten das Abendprogramm nein, das ist nicht der eigentliche Albtraum. Zwar ist das Programm schlimm genug, aber daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Das Problem ist nur, dass die Fernbedienung bequem neben einem liegt, das Bücherregal aber auf der anderen Seite des Raumes steht. Egal, das ist ein anderes Thema. Wir sitzen auf der Couch und ich ärgere mich über den schlechten Satellitenempfang. Meine Frau: „Schatz, das Bild ist so verrauscht – rendert Pro7 sein Programm jetzt auch mit Maxwell??“
Schweissgebadet wache ich auf.

So schlimm ist es inzwischen, Maxwell verfolgt mich bis in meine Träume. Für die Glücklichen, die von Maxwell bisher noch nichts gehört haben: es handelt sich um eine neue Rendersoftware von NextLimit, derzeit noch im Alpha Stadium.
Egal wohin man sich in den Weiten des WorldWideWeb wendet – geht es um 3D, dann geht es fast automatisch auch um Maxwell. Geradezu Popstar-ähnlich wird das Programm in den Olymp der Renderprogramme gehoben. Diejenigen die diesen Popstar nicht vergöttern, die verdammen das Werkzeug in die verrauschten Dimensionen des Pixelnirvana – möge Maxwell der Bluescreen ereilen.

Ich frage mich nun, warum dieser Hype? Warum dieses Aufhebens um ein Stück Software, das im fertigen Zustand dem Benutzer das 3D Leben einfacher machen soll.

Arbeitet Maxwell nach komplett neuen Methoden? Nicht das ich wüsste. Wer sich die Details anschaut sieht schnell, dass Maxwell das Renderrad nicht neu erfunden hat. Klassische Methoden und Techniken die schon lange bekannt sind kommen zum Einsatz. Hier liegt der Renderer also nicht begraben…

Liegt es an den Render Ergebnissen, die Maxwell produziert? Ich denke, da kommen wir der Sache schon näher. Einige der Bilder die zu sehen sind, sind zweifelsohne beeindruckend. Wenn nun auch stimmt, dass das Lichtsetup einfach mal so gebastelt wurde – umso beeindruckender. Man wird schon eine Weile suchen müßen, um vergleichbares von anderen Programmen zu finden. Und dort wurde dann oft stunden- oder tagelang an der Beleuchtung getüftelt. Maxwell liefert scheinbar ohne großen Aufwand tolle Visualisierungen.

Die Kritiker weisen nun aber auf ein Problem hin: entweder man wartet viele, viele Stunden auf das fertige Bild, oder man erhält ein verrauschtes Resultat. Die Pro-Fraktion wiederum ist der Meinung, die Körnung wäre das Salz in der Suppe und gar nicht so schlimm – komisch, sonst wurde immer geschrieen:“schraub´ das Antialiasing hoch!“
Ich weiss, dass ich ein fürchterlich langweiliger Mensch bin, wenn ich hier wiedermal moderieren möchte.
Warum können Maxwell Fans nicht zugeben, dass die Bilder oft unakzeptabel stark verrauscht sind? Oder eben der Rendervorgang sehr lange dauern kann?
Und weshalb sind die Maxwell Gegner nicht in der Lage zuzugeben, dass die evetuell zu langen Renderzeiten durchaus wirtschaftlich tragbar sind. Was kostet mehr: der Mensch der mehrere Stunden Arbeit benötigt, um eine gute Beleuchtung zu erstellen, oder der PC, der die Nacht über einfach nur rechnet und Strom kostet.

Und zwei Dinge scheinen beide Fraktionen zu vergessen:
1)es kommt immer auf die Szene an
2)nicht Alles muß unbedingt mit Maxwell gemacht werden.
Mit Sicherheit gibt es genügend Fälle, wo Maxwell vollkommen fehl am Platz ist. Übrigens kann man das im vielzitierten WWW auch immer öfter erkennen. Szenen, die mit Maxwell gerendert wurden, genauso gut aber auch mit drei Spotlichtern hätten ausgeleuchtet werden können. Die Spatzen sind derzeit wirklich arm dran…

Ein weiterer Punkt der mir auffällt: es wird über Maxwell und seine tolle GI geredet. Das dazu aber auch ein ordentliches Materialsystem gehört, wird oft vergessen. NextLimit scheint seine Hausaufgaben gemacht zu haben.
Solange Benutzer sich bei „altmodischen“ GI Renderprogrammen über fehlende Glanzlichter in HDR beleuchteten Szenen beschweren – „dabei habe ich Specular Highlight auf über 100% stehen!“ – braucht man über dieses Thema aber erst gar nicht diskutieren…

Wer jetzt den Eindruck bekommen hat, ich wäre ein Maxwell Gegner, der liegt falsch. Ich denke NextLimit hat ein interessantes Programm in der Mache und sicherlich kann sich der ein oder andere Konkurrent ein Scheibchen abschneiden.
Aber ich wäre der Community dankbar, wenn sie etwas nüchterner an dieses Thema herangehen würde. Sonst wird mein nächster Morgen nicht nur verrauscht, sonder auch verkatert.
Maxwell ist und bleibt ein – hoffentlich nützliches – Werkzeug, das bis zum finalen Erscheinungstermin vielleicht sogar noch besser sein wird. Richtig und sinnvoll eingesetzt, wird es gute Resultate liefern und die ein oder andere Arbeitsstunde einsparen. Und die PC Hersteller reiben sich schon die Hände, da der Absatz an Rechenknechten steigen wird.
In falschen Händen oder falsch eingesetzt wird auch Maxwell nicht zaubern können. Also bleibt doch wiedermal alles beim Alten: auf den Benutzer kommt es an. Fürchterlich langweilig.

Jan Walter Schliep (Walli)

P.S Gerüchten zur Folge, arbeiten einige namhafte Hersteller an einem neuen Lichtyp – das Blitzlicht.
P.P.S Ich möchte noch die Definition für Glanzlichter nachreichen.
„Specular highlight: Omas Mandelspekulatius auf der letztjährigen Weihnachtsfeier.“